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Andreas Fill Geschäftsführer und Eigentümer Fill GmbH
Andreas Fill Geschäftsführer und Eigentümer Fill GmbH
Antje Wolm

Sudern hilft niemandem

19.03.2025 um 09:01, Jürgen Philipp
5 min read
Was unterscheidet das Innviertel von anderen Regionen und welche Auswirkungen hat die KTM-Pleite? Andreas Fill, Geschäftsführer der Fill GmbH im Interview.

CHEFINFO: Das Innviertel ist eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte. Spätestens seit der KTM-Pleite sprechen viele Medien aber von einer ­Krisenregion. Ist das so?
Andreas Fill: Meines Wissens war das Innviertel vor 30, 40 Jahren eine Krisen­region. Man darf nicht vergessen, dass KTM in den vergangenen 20 Jahren viele Tausende Arbeitsplätze geschaffen hat. Ich urteile nicht über andere Unternehmen, aber die Wertschöpfung, die KTM in der Region erzeugt hat, auch in der Zuliefer- und Bauindustrie, war ein ganz wichtiger Beitrag für das Wachstum des ­Innviertels. Hätte KTM von Beginn an in Indien produziert, wäre zwar jetzt der Impact in der Region nicht so groß, es hätte aber nie ­diese Arbeitsplätze gegeben. Wir sind nach wie vor eine der stärksten Industrie­regionen in Österreich. Natürlich sind jetzt gerade die Zulieferer gebeutelt. Das wird sich aber wieder erholen. Wir sind gut aufgestellt, sei es bei der schulischen Ausbildung, den guten Fachkräften, den innovativen Menschen und den hemdsärmeligen Unternehmern. Ich habe keine Angst um die Wirtschafts­region Innviertel. Hätte mein Vater Angst gehabt, hätte er das Unternehmen nie gegründet. Das ist bei KTM nicht anders. Jetzt geht man einen Schritt zurück, aber sie werden wieder kommen.

Sie haben die schulische Infrastruktur und den Innovationsgeist angesprochen. Es war unter anderem Ihr Vater, der diese Rahmenbedingungen mitgestaltet hat. Wie kam es eigentlich dazu?
Fill: Mein Vater hat sich für die Techno­logiezentren stark eingesetzt. Die guten Schulen, AHS oder HTL, wirken sich positiv auf unseren Fachkräftemarkt aus. Die Gründung der HTL Ried geht auf eine Initiative von sechs Führungskräften Innviertler Unternehmen zurück. Zwischen dem ersten Treffen dieser  und den ersten Schülern in den Klassen lag gerade einmal ein Jahr. Die Unternehmen haben sich zusammengetan, und mit vereinten Kräften von Wirtschaft und Politik gelang das auch. Wir sind alle nur gemeinsam stark. Bei uns lautet die Vision „We are one“. Die Kette muss immer auf Zug sein, es darf kein schwaches Glied geben und das meine ich nicht nur für uns, Österreich, Deutschland, ­sondern für die gesamte EU. Wenn Europa ein gutes Gegengewicht zum Osten und zum Westen darstellt, wird sich alles wieder einrenken. Dort, wo eine Tür zugeht, geht eine andere auf – siehe USA. Je aggressiver Trump die EU attackiert, desto mehr Schulterschluss wird es in der EU geben. Bis vor einem Jahr wollte die EU etwa umwelttechnisch in Schönheit sterben. Lieferkettengesetze usw. sind ja etwas Gutes, aber es funktioniert nur, wenn die ganze Weltwirtschaft mitzieht und es keine Ausreißer gibt. Es braucht daher mehr Hausverstand auch in Richtung Bürokratie.

Der Betriebswirt leitet seit 25 ­Jahren die ­Geschicke des ­Sondermaschinenbauers. Sein Vater, späterer Wirtschaftslandesrat, ­gründete das ­Unternehmen 1966 mit zwei Mitarbeitern.

Stichwort „Hausverstand“: Den Innviertlern wird oft Bodenständigkeit und eben jener Hausverstand attestiert. Ist das ein Klischee oder trifft das wirklich zu?
Fill: Ich halte von so pauschalen Aussagen nur wenig. Es stimmt, dass der Innviertler bodenständig ist und sagt, was er sich denkt. Und für Hausverstand hat wieder jeder seine eigene Definition. Aber ich bin jetzt provokant: Wenn ich daran denke, wie viele Menschen gegen die EU auftreten, Despoten als Vorbilder sehen und denken, mit einer Festung kann man die Probleme dieser Welt lösen, dann muss ich fast glauben, dass dies ein Klischee ist. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Mauern gefallen sind, jetzt werden wieder Mauern aufgezogen. Doch jeder kann etwas dagegen tun. Wir leben seit fünf Jahren in einer gefühlten Dauerkrise. Je nachdem, welches Thema am aktuellsten ist, gibt es zehnmal am Tag die gleiche Frage. Da gehe ich lieber mit Freunden Karten spielen als zu einer Podiumsdiskussion, bei der nur gejammert wird. Jeder von uns muss in Zukunft eine Meile mehr gehen, damit wir den Wohlstand halten können, das ist auch mit unseren Mitarbeitern so committet. Sudern und Jammern, auch wenn wir Österreicher das gerne tun, helfen niemandem. Das Wichtigste ist eine positive Stimmung, ein Glaube an die Zukunft. Ist das Stimmungsbild negativ, werden keine Investitionsentscheidungen getroffen.

Kann es der neuen Bundesregierung gelingen, diese bessere Stimmung zu erzeugen und was erwarten Sie von ihr konkret? 
Fill: Wie gesagt: Das Wichtigste wird sein, wieder einen spürbaren Aufwärtsschwung zu erzeugen, um die Grundstimmung im Land zu verbessern. Generell erwarte ich mir ein vereintes Herangehen an die Herausforderungen in den Bereichen Wirtschaft und Bildung, ohne die Umweltpolitik zu vernachlässigen. Ich erwarte mir langfristig erfolgreiche Projekte statt schneller Gewinne. Doch wir sollten nicht so abhängig von politischen Entscheidungen sein. Wir bei Fill waren immer ­relativ unabhängig. Unabhängig von ­Kreditlinien bei Banken. Wir investieren nur in ­Projekte, die wir uns selbst leisten können. Wir sind unabhängig von Gaspreisen. Wir heizen seit 2009 mit Biomasse und erzeugen 50  Prozent unserer elektrischen Energie mit PV. In den nächsten Monaten investieren wir in einen 6-MW-Speicher, um noch ­autarker zu werden. Außerdem sind wir unabhängig beim Produktport­folio. Wir versuchen, Märkte, die gerade einbrechen, durch ­andere zu kompensieren. In einer Weltwirtschaftskrise ist man natürlich limitiert, aber wir schauen über den Tellerrand, suchen Märkte und Produkte, die zu uns passen. Schließlich sind wir bei ­Fachkräften sehr gut aufgestellt. Auch wenn es derzeit kein so großes Thema ist, der ­Fachkräftemangel wird wieder präsent werden. Alle jammern, dass sie keine guten Leute bekommen. Wir haben die Zahl der Bewerbungen verdoppelt. Seit 2021 haben wir über 10.000 Kinder und Jugendliche in acht Tech-Labs geschult, jetzt kommen sieben neue dazu. Wir können uns daher die Besten aussuchen und sudern nicht. Ich bin ein ­positiver Mensch, aber wir müssen unsere Hausaufgaben machen. Wenn wir in fünf Jahren noch konkurrenzfähig sein wollen, brauchen wir die besten Köpfe, die besten Innovationen und schlanke Prozesse.

Wie wirken sich die aktuellen geopolitischen Ereignisse – Sie exportieren ja auch in die USA – auf Ihr Geschäft aus?
Fill: Die Welt ist eine andere. ­Geopolitisch ist Österreich nur ein kleines Puzzleteil. Donald Trump hat Europa aufgeweckt. Und vergessen wir nicht: Die USA sehen sich selbst anders, als wir sie wahrnehmen. Wir haben zwei große Entwicklungsprojekte im Aerospace-Bereich in den Vereinigten Staaten. Wir liefern viel innovatives Know-how aus Österreich, das es in den USA nicht gibt. Jetzt gilt es abzuwarten, wohin die Reise – Stichwort „Zölle“ – geht. 

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